Mittwoch, 23. Dezember 2009

eine kleine Weihnachtsgeschichte

Ich habe im Internet diese kleine Weihnachtsgeschichte gefunden, die möchte ich euch nicht vorenthalten

Der Autor selbst postete sie in einem Forum:


Hallo zusammen,

frohe, zufriedene und ruhige Weihnachten für Euch alle! Mögen Euch die Auswüchse des kommerziell verseuchten Bethlehem-Marathons nur ansatzweise streifen

Zur Einstimmung eine kleine Weihnachtsgeschichte aus meiner Feder:

Eine ganz normale Weihnachtsgeschichte

Der Erzengel Gabriel blickte sich ein letztes Mal um und gestattete sich ein zufriedenes Knurren. Bis zur allerletzten Sekunde hat er sich erbittert gegen die Entscheidung für den Stall in Bethlehem gewehrt, aber selbst die Drohung sein Amt unverzüglich nieder zu legen, hatte nichts an der Entscheidung ändern können. Jesus in einem Stall! Allmächtiger!! Warum nicht gleich in einem Kaninchenbau? Nur sein Status als Erzengel bewahrte ihn davor angeekelt auszuspucken. Weiß der Himmel, was der Herr sich dabei wieder gedacht hatte. Manchmal sehnte sich Gabriel wehmütig nach den guten alttestamentarischen Zeiten zurück. Ab und zu mal mit dem Flammenschwert hemmungslos um sich zu hauen, hatte etwas ungemein Befreiendes an sich. Tief in seinem Innersten hielt er den neuen Führungskurs eindeutig für zu „soft“.

Er seufzte tief auf. O tempora, o mores.

Aber wenn es nun schon mal in drei Christi Namen eine derartig flohbefallene, mikrobenverseuchte Stätte der Erbärmlichkeit sein musste, würde er wenigstens das Beste daraus machen.

Einen Stall wie diesen hatte es tatsächlich noch nie gegeben: Ganze Armeen von Mikroben, Flöhen, Zecken, Milben, Ameisen, Spinnen, Fliegen, Mücken und Mäusen verließen nach einem kurzen Blick in das Gesicht des Erzengels freiwillig im Laufschritt das Krisengebiet, und machten erst weit außer Sichtweite erschöpft halt. Von einem starrsinnigen Mistkäfer, der partout erst seine prächtige Kotpille fertig drehen wollte, blieb nur ein kleines Rauchwölkchen zurück. Die Cherubim hatten Ziegel gewienert, Wände geschrubbt und selbst das winzigste Stück Holz mit Bienenwachs zum Leuchten und Duften gebracht. Was sie von dem Einsatz ihrer Fähigkeiten für eine derartige Aktion hielten, ließ sich recht eindeutig von ihren Gesichtern ablesen, eine Konfrontation mit einem offensichtlich hochgradig angenervten Erzengel wollte dann allerdings doch keiner riskieren. Ein 30 Zentimeter hoher Tornado fungierte als Staubsaugerersatz, der nicht ein einziges Körnchen übrig ließ und pedantisch selbst die winzigsten Fußbodenritzen zweimal abfuhr. Jeder einzelne Strohhalm war handverlesen und sorgfältig drapiert, die Krippe hatte sich Gabriel höchst persönlich vorgenommen und alle machten vorsichtshalber einen großen Bogen um das gleißende Gebilde.

Als schließlich von oben die Anforderung für einen Ochsen und einen Esel eintrafen, kam es fast zum Eklat. Gabriel schoß wie eine Sternschnuppe im Rückwärtsgang Richtung Himmel, dass die Funken aus seinen Flügeln stoben. Als er endlich den zuständigen Sachbearbeiter vor den Flügelspitzen hatte, unterdrückte er mühsam das unbezwingbare Verlangen ihn auf kleiner Flamme zu rösten. „WELCHER OCHSE HAT HIER SEINESGLEICHEN GEORDERT????“ fauchte er fuchsteufelswild. Der Himmelsbeamte schrumpft förmlich in sich zusammen und sein Heiligenschein verblasste zusehends. „Äh, der Herr meinte, es würde … nun ja …irgendwie „nett“ aussehen“, murmelte er verzweifelt, und wünschte sich weit, weit weg.

„NETT?? “

dröhnte der Erzengel und krallte sich am Schreibtisch fest.

„NETT??!!“

Er schrie derartig laut, dass die Blasphemiedetektoren am Eingang empört aufheulten. Mühsam riss er sich wieder zusammen. Ganz ruhig bleiben, vielleicht sollte er sich künftig doch besser in den Innendienst versetzen lassen.

„Da wird nach all den Jahrtausenden des Wartens endlich der Messias geboren, und das erste was er zu Gesicht bekommt ist ein stinkender alter Ochse mit Blähungen. Das soll NETT sein??? SIND DENN ALLE HIER OBEN KOMPLETT ÜBERGESCHNAPPT?“ Mit einem lauten Aufschrei raufte er sich die goldenen Haare und stürmte aus dem Zimmer, einen unendlich erleichterten Sachbearbeiter zurücklassend, der mit weichen Knien auf einen Stuhl glitt.

Und so bereicherten nun auch ein Ochse und ein Esel das Stallpanorama. Der Ochse schielte immer wieder verwirrt auf seine Hufe, in denen er sich spiegeln konnte, etwas was ihm Zeit seines Lebens noch nie passiert war. Seine Mähne war in kunstvolle Zöpfchenmuster geflochten, die ihm entsetzlich peinlich waren und sein gestriegeltes Fell glänzte. Um den Messias auf keinen Fall mit dem Geruch seines Atems zu beleidigen kaute er gehorsam, wenn auch mäßig enthusiastisch Thymian und Pfefferminze, völlig desolates Zeug aus der Sicht eines Wiederkäuers. Das konnte ja ein heiteres Wochenende werden!

Als Gabriel im Stall beim besten Willen nichts mehr auszusetzen hatte, ließ er es sich nicht nehmen, auch den Stern von Bethlehem noch einmal eigenhändig die Leviten zu lesen. „Dir ist doch hoffentlich klar, was an der ganzen Sache hängt? Maria und Josef werden von der Stelle angezogen an der du stehen bleibst, schon BEVOR du dort bist, die heiligen drei Könige kommen dann erst im Schlepptau. Du bist also voll und ganz verantwortlich, daß alle an der richtigen Stelle ankommen, wenn du dich verfliegst, wäre das eine unvorstellbare Katastrophe. Gehen wir also noch mal die genauen Koordinaten durch.“

Der Stern, der schließlich schon einige Jahrmilliönchen auf dem kraterübersäten Buckel hatte, konnte den arroganten Engel nicht ausstehen und unterbrach ihn verärgert: „Hältst du mich für einen Azubi, Goldlöckchen? Ich war schon ein Profi, als du noch nach deinem Manna gebrüllt hast. Stimm lieber deine Harfe, lackier deine Nägel oder mach sonst irgendwas Sinnvolles und sag MIR nicht, wie ICH meinen Job machen soll, Flügelhirni!“ Von da an nahm die Qualität des Dialogs zunehmend ab. Einen Moment lang sah es so aus, als würden sich die Beiden ernstlich in die Haare geraten, obwohl man ja im Falle eines Kometen schlecht von „Haaren“ sprechen kann. Dann schnaubte der Erzengel verächtlich und machte sich wieder auf den Weg. Alles was zu tun war, war getan, jetzt konnte aus seiner Sicht nichts mehr schief gehen.

Höchste Zeit endlich Feierabend zu machen.

Jeder Stern besitzt die Fähigkeit, von seiner luftigen Warte aus alle Orte der Welt zu sehen, die er möchte. Neugierig nahm er daher das Domizil des kommenden Messias etwas näher unter die Lupe. Es spiegelte, glänzte und blinkte, alles war makellos perfekt. Und gerade deswegen völlig seelenlos und unnatürlich. Hmm?! Vielleicht war es an der Zeit diesen gefiederten Himmelslümmel etwas zurechtzustutzen …?

Während der erschöpfte Erzengel selbstzufrieden in seiner Wolke schlummert, fand auf der Erde das schönste Weihnachtsfest aller Zeiten statt. Der süßliche, aber keineswegs unangenehme Duft von Kuhdung hing in der Luft und vermischte sich mit dem Licht einer Öllampe und dem Staub des Heus zu einer magischen Atmosphäre. Die Flöhe hatten ein Schauspringen veranstaltet bei dem das Kind begeistert in die Hände klatschte. Einer der Flöhe ritt tollkühn auf einer galoppierenden Maus und jonglierte dabei mit seinen 10 winzigen Söhnen. Die Spinnen hatten gemeinsam ein riesiges Radnetz gewebt, das im Licht des Feuers aufglänzte. Ein alter Ochse mit zerschrundenen und keineswegs glänzenden Hufen leckte dem Kind ganz, ganz sachte über die Nase, bis es hellauf kicherte. Jeder gab, was immer er geben konnte und es war eine zauberhafte, unvergessliche Nacht für alle.

Und wenige hundert Meter weiter stand der schönste aller irdischen Ställe in seiner blinkenden Pracht, und wartet bis heute vergeblich auf seine Besucher.

Werner David
Erding, Dezember 2007

Kommentare:

  1. Danke Elisabeth für diese Geschichte. Sie hat mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert.

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  2. eine echt entzückende Geschichte - aber mich würd echt interessieren, was passiert is, als der Erzengel das gesehen hat ;-)

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